Die Russische Kolonie Alexandrowka

Einstöckiges Gebäude der Russischen Kolonie Alexandrowka heute, Privatarchiv.

"Die Colonie bleibt unter dem unmittelbaren Befehl, der Aufsicht und Direction des 1sten Garde-Regiments zu Fuß. Ein Feldwebel desselben führt die allgemeine Aufsicht. Seine Instruction empfängt er vom Commandeur des Regiments."

Nicht datierte A.K.O.

Im Hintergrund hören Sie den 1837 komponierten Marsch aus Petersburg, AM II,113 in der damaligen Originalbesetzung. Mit freundlicher Genehmigung durch die DGfMM.

Das Dorf Russische Kolonie Alexandrowka liegt im Norden der Stadt Potsdam. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen ließ es in den Jahren 1826/27 für die letzten zwölf russischen Sänger eines ehemals aus 62 Soldaten bestehenden Chores anlegen. Diese im russischen Holzhaus-Stil erbaute Siedlung hat im Wesentlichen die Zeiten bis zum heutigen Tage überdauert.

1. Die russischen Sänger

Eine Kuriosität besonderer Art waren die „russischen Sänger“ des Regimentes. 1806 wurde das preußisch-sächsische Heer bei Jena und Auerstedt durch napoleonische Truppen vernichtend geschlagen. Das durch Napoleon besiegte Preußen musste 1812 in ein Zwangsbündnis mit Frankreich gegen Russland einwilligen. Im Feldzug des Jahres 1812 waren waren weit über 1000 russische Soldaten in Kurland in die Hände der (noch) mit Frankreich verbündeten Preußen vom Korps des Generals Yorck, welches auf dem äußersten linken Flügel der Grande Armee operierte, geraten. Diese Gefangenen fielen dem König durch ihren melancholischen Gesang auf. Friedrich Wilhelm III. war tief beeindruckt und wünschte sich nichts weniger als daß diese Sänger auch für ihn singen mögen. Ihn, der seit dem Tod seiner Frau oft melancholisch war und in Rußland so herzlich von seinem Freund dem Zaren aufgenommen worden war.

Nach dem Neutralitätsabkommen, der Konvention von Tauroggen vom 30.12.1812, verbündeten sich Preußen und Russland im Frühjahr 1813 gegen Frankreich. Entgegen ihrem Wunsche in die Heimat zurückkehren zu dürfen, wurde der größte Teil der ehemals kriegsgefangenen russischen Soldaten wurde auf Bitten des preußischen Königs vom Zaren in Preußen belassen und in ein eigenes Regiment eingegliedert. Im Oktober des Jahres 1812 waren demnach aus Feinden Freunde geworden. 62 der Kriegsgefangenen wurden jedoch dem neu entstandenen I. Bataillon des Regiments Garde zu Fuß attachiert, also formell diesem Regiment unterstellt und zogen mit diesem bis nach Paris. Sie dienten dort als russische Sänger für den König bei dessen Leibkompagnie. Unter einer gemeinsamen Führung kämpften nun russische und preußische Truppen, ehemalige russische Kriegsgefangene und preußische Deserteure gegen Napoleon. Im Heerlager des Königs sorgte der Chor ehemaliger russischer Kriegsgefangener für Unterhaltung.

Die dem 1ten Garde-Regiment zu Fuß attachirten Russischen Sänger. 1815. Nach Thümen.

Als Bekleidung erhielten sie die normale Montur des Regimentes jedoch mit gelben Litzen und Knöpfen, die Schulterklappen waren rot, das Lederzeug zunächst weiß. Die Unteroffiziere hatten goldene Tressen. 1813 wurden 41 Mann einem neu aus ehemaligen russischen Gefangenen formierten Regiment in Breslau zugeteilt. Die verbliebenen 21 Mann wurden nun der Leibkompagnie als Sängerkorps attachiert, wobei das Lederzeug nun schwarz wurde. Ihre Aufgabe war es, bei Festlichkeiten, im Lager usw. das Offizierskorps und dessen Gäste durch Vorträge zu unterhalten. Während eines Aufenthaltes in Frankfurt am Main im Jahre 1814 bekamen die Sänger die vollständige Uniform des Ersten Garderegiments zu Fuß, nur Knöpfe und Tressen blieben gelb. Als nun am 15.11.1815 das russische Grenadier-Regiment König Friedrich Wilhelm III. durch Berlin zog, wurden von diesem Regiment 7 Grenadiere abgestellt. Zar Alexander I. erlaubte nicht nur endgültig - abermals entgegen dem Willen der heimwehkranken Sänger - den Verbleib des Soldatenchors in Preußen, er überstellte zusätzlich sieben Grenadiere von seinem Grenadier-Regiment König Friedrich Wilhelm III. in das Garderegiment des Königs. Die Uniformierung wurde nun vollends sonderbar, denn diese 7 behielten ihre russische Uniform bei und machten sogar noch die Änderungen der russischen Armee mit! So trugen diese also grüne Röcke mit roten Aufschlägen, grüne Patten, gelbe Schulterklappen mit dem Namenszug des Königs, weiße Hosen. 1827 bekamen sie analog zur russischen Armee einen neuen Rock mit nur einer Reihe gelber Knöpfe, darauf eine Granate und die Nummer 2, für den Winter grüne Tuchhosen. 1829 bekamen alle 29 Sänger einheitlich einen grünen Überrock mit roten Kragen, Aufschlägen und Patten. Vorn herunter ein roter Vorstoß und eine Reihe von 6 gelben Knöpfen, wobei jene vormals russisch uniformierten ihre alten Knöpfe mit der Granate und der Nummer 2 weiter verwandten. Die Achselklappen waren für sie gelb, für die vormals preußisch gekleideten rot, beide aber mit dem königlichen Namenszug und einer Krone. Der Feldwebel bekam eine breite goldenen Tresse, die Unteroffiziere die normalen goldenen Tressen. Neben dem Überrock gab es auch noch eine Dienstjacke. Diese war ganz grün mit rotem Vorstoß um Kragen, Aufschlag, vorn und unten herum, sowie um den Schoß der Unteroffiziere. Achselklappen und Knöpfe wie am Überrock. Als Kopfbedeckung wurde eine grüne Schirmmütze mit rotem Besatz und Deckelvorstoß getragen.

Als Zar Alexander I. 1825 starb, lebten nur noch 12 dieser russischen Sänger in Potsdam.

Der letzte Auftritt des Sängerchores fand 1830 statt, da er schon zu diesem Zeitpunkt durch Todesfälle innerhalb der Sänger nicht mehr vollzählig war. Der letzte russische Sänger verstarb 1861.

2. Die russische Kolonie

Um ein bleibendes Denkmal der Erinnerung an die Freundschaft mit Zar Alexander I. zu stiften, befahl König Friedrich Wilhelm III. durch A.K.O. vom 10.04.1826 die Gründung der russischen Kolonie "Alexandrowka" bei Potsdam und verlieh jedem der noch vorhandenen 12 russischen Sänger ein Gehöft mit Nutzungsrecht als Eigentum. Ein weiteres Gehöft bekamen ein Feldwebel des Ersten Garderegiments zu Fuß als Aufseher, sowie der Küster der zur Kolonie gehörenden orthodoxen Kapelle. Jedes Haus wurde als "Stelle" bezeichnet und später durchnummeriert, wobei die Stelle des Aufsehers die Nr. 1 erhielt.

Durch die verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Häusern Hohenzollern und Romanow wurde die Kolonie als Denkmal der Erinnerung nach dem 1825 verstorbenen Zar Alexander I. benannt.

Am 10.04.1826 gab Friedrich Wilhelm III. folgende Order:

    „Es ist Meine Absicht, als ein bleibendes Denkmal der Erinnerung an die Bande der Freundschaft zwischen Mir und des Hochseeligen Kaisers Alexander von Rußlands Majestät, bei Potsdam eine Colonie zu gründen, welche ich mit den, von Seiner Majestät mir überlassenen Russischen Sängern als Colonisten besetzen und Alexandrowka benennen will.“

Friedrich Wilhelm.

Nach zwei völlig anders aussehenden Entwürfen gab der Gartendirektor Peter Joseph Lenné (29.09.1789 - 23.11.1866) dem ganzen Gelände die Grundform eines Hippodroms mit eingelegtem Andreaskreuz, an dessen Schnittpunkt das Haus (Stelle Nr. 1) des Feldwebels stand. Unter der Leitung des Hofgärtners Johann Georg Morsch d. Ä. wurde dieser Entwurf umgesetzt. Die Form des Hippodroms wurde als Reminiszenz an das Marsfeld in Paris gewählt, da dort 1814 die Siegesparade der russischen und preußischen Garden stattgefunden hatte. Das Andreaskreuz war die Huldigung an Rußland, dessen Schutzpatron St. Andreas ist und dessen Kreuz sich auf allen zaristischen Fahnen findet.

Plan der russischen Siedlung Alexandrowka und Vergabe der Kolonistenstellen, Archiv Seitenautor.

Die Pläne für die Gebäude waren preußische Interpretationen einer Zeichnung des italo-russischen Architekten Carlo Rossi, der 1815 für die Zarinmutter ein „typisch russisches“ Dorf für den Park von Pawlowsk entworfen hatte und dem preußischen König nach dessen Besuch bei der Zarinmutter 1818 eine Skizze überließ. Militärhandwerker aller preußischen Garderegimenter errichteten die Häuser aus klassischem Fachwerk mit vorgesetzten halbrunden Holzstämmen, die äußerlich den Eindruck russischer Blockhäuser erweckten. Die Idee für diese Sparmaßnahme hatte der Kommandeur der Garde-Pionierabteilung Kapitän Snethlage, der bereits bei einem früheren, echten Blockhaus nach dem Entwurf Rossis – dem Blockhaus Nikolskoë – die Bauleitung innehatte.

Die Siedlung besteht aus insgesamt zwölf Gehöften, deren freistehende Giebelhäuser ein- und zweigeschossig sind, einem zweistöckigen Aufseherhaus ohne großem Garten und einem Haus bei der Kirche, in dem der Aufseher der königlichen Teestube in der ersten Etage wohnte.

Nach russischem Vorbild hätten die Dächer der Häuser mit Stroh gedeckt werden sollen – für die preußische Variante entschied man sich für eine Holzverbretterung, die am Ende des 19. Jahrhunderts durch eine Schieferdeckung ersetzt wurde. Jedes Gehöft besteht aus einem Wohnhaus mit Balkon und vorgelagerter Loggia, das durch eine überdachte Toreinfahrt mit einem kleinen Stall- bzw. Wirtschaftsgebäude verbunden ist. Unteroffiziere und Feldwebel erhielten zweigeschossige Häuser, Gemeine nur eingeschossige. Die Giebel und Frontfassaden sind mit aufwendigen Schnitzereien nach russischem Vorbild geschmückt. Die zweigeschossigen Häuser weisen am Giebel aufwendige "Fahnen" auf, die eingeschossigen hingegen nur gewöhnliche "Feuerstachel".

Alle Häuser waren komplett ausgestattet mit einem für damalige Verhältnisse reichhaltigen Inventar. Es fehlte an Nichts: Ofen, Kochgeräte, Gartengeräte, Töpfe, Pfannen, Besen, Bett, Tisch, Stühle, .... an einfach alles hatte der König gedacht, um seinen Sängern das Heimweh erträglicher zu machen. Sogar eine bunte Milchkuh stand in jedem Stall! Zu jedem Gehöft gehörte überdies ein reichhaltiger Obstgarten mit extra gepflanzten Bäumen, welche zum Teil noch heute stehen und somit als Fundgrube für anderenorts längst ausgestorbenen Obstsorten fungieren. Jeder Sänger sollte so in die Lage versetzt werden, sich selbst zu versorgen - neben dem militärischen Dienst und den regelmäßigen Proben.

Einziehen in die neue Mustersiedlung durften nur verheiratete russische Sänger. Da dies nicht bei allen Kandidaten der Fall war, mußten nun noch schnell Frauen für diese gefunden werden. Zwei der bereits vorhandenen Ehefrauen, waren französischer Nationalität. Die Sänger hatten sie offenbar auf den Feldzügen in Frankreich 1813 - 1815 kennengelernt. Die Kolonisten bekamen die Gehöfte per Nießbrauchsrecht, sie blieben also im Besitz der Krone. Die Grundstücke und Häuser durften demnach von den Kolonisten weder verkauft, verpachtet noch verpfändet, jedoch ausschließlich an männliche Nachkommen vererbt werden. Verstarb der Erblasser ohne erbberechtigten, männlichen Nachkommen, wurde der Witwe noch eine Galgenfrist von 3 Monaten eingeräumt, dann hatte sie die Stelle zu verlassen.

1827 zogen endlich die neuen Bewohner in die vollständig möblierten Anwesen ein. Die Namen aller Erstbezieher sind überliefert:

Pjotr Alexejeff (starb ohne erbberechtigten Sohn)

Pjotr Anisimoff

Fjodor Fokin (starb ohne erbberechtigten Sohn)

Fefim Gawrilenko (starb kinderlos)

Dimitri Sergejeff (starb kinderlos)

Iwan Timofejeff (starb kinderlos)

Pjotr Uschakoff (starb kinderlos)

Iwan Wawiloff (starb kinderlos)

Stepan Wolgin (starb kinderlos)

Iwan Jablokoff

Iwan Grigorieff

Wassili Schischkoff


An die Giebel der Häuser montierten die Bewohner, der russischen Tradition gemäß, den Namen des männlichen Bewohners. Schwarz auf weißem Schild für den aktuellen, umgekehrt für einen verstorbenen Bewohner. Heute kann man dies eindrucksvoll an der Stelle Nr. 7 der Familie Grigorieff sehen, welche seit dem Einzug 1827 unverändert und lückenlos fortgeführt wird.

 

Die dem 1ten Garde-Regiment zu Fuß attachirten Russischen Sänger. 1827.  Nach Thümen.

 

Auf dem nahegelegenen Kapellenberg wurde die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Gedächtniskirche durch den bekannten klassizistischen Architekten Karl Friedrich Schinkel (13.03.1781 - 09.10.1841) errichtet und am 11.09.1829 geweiht. Die Priester des Kirche werden seit dem neben dieser beerdigt. Neben der Kirche steht das vierzehnte Wohnhaus (Stelle Nr. 14), das der aus Russland stammende königliche Lakai Tarnowsky bewohnte.

 

Der Kolonieaufseher, ein versehrter und verdienter Feldwebel des Ersten Garderegiments zu Fuß, führte genau Buch über seine Kolonisten. Der erste Aufseher war Feldwebel Riege. Er und seine Nachfolger berichteten an das Regiment und fungierten überdies als Schlichter, Standesbeamter, Vorgesetzter, Aufseher, Dorfpolizist, kurzum der Aufseher war für alle Belange der Kolonisten zuständig.

 

Die Bewohner der Kolonie erwiesen sich - entgegen der idealen Vorstellungen Lennés und des Königs - als keine guten Bauern, da sie gelernte Soldaten waren. Die Landwirtschaft fiel ihnen schwer und so kamen sie schnell auf andere Ideen des Erwerbes. Besonders die Familie Jablokoff (Stelle Nr. 13) fiel dabei durch die häufigen Alkoholexzesse des russischen Sängers und seiner männlichen Nachfahren auf. Er durfte auf ein Gesuch beim Regiment hin eine Schankwirtschaft und sogar eine Kegelbahn in seiner Stelle einrichten. Diese Geschäfte liefen aber nicht gut, vermutlich weil Jablokoff selbst sein bester Kunde war. Andere Kolonisten zogen in den kleinsten Raum des Hauses und nahmen Kostgänger und Untermieter auf. So entwickelte sich rasch eine spezielle Ausflugskultur, denn die "Sommerfrischler" und andere Bürger Berlins wußten schnell das skurrile Dorf als Ausflugsziel zu nutzen.

 

Die dem 1ten Garde-Regiment zu Fuß attachirten Russischen Sänger. 1830.  Nach Thümen.

 

Auch in einem Gedicht wurde die Kolonie verewigt.

 

Die Häuser durften nach ihrer Errichtung nicht veräußert und nur in direkter männlicher Linie vererbt werden. Daher fielen die Häuser in den folgenden Jahrzehnten zum größten Teil an den König zurück. Sie wurden anschließend an verdiente Spielleute und Feldwebel des Ersten Garderegiments zu Fuß gegeben.

 

Im Jahre 1891 erschien das Werk "Das Buch vom Deutschen Heere" von Herrmann Vogt (siehe das Literaturverzeichnis). Es widmet ab Seite 274 ein ganzes Kapitel dem Ersten Garderegiment zu Fuß, aus welchem der Teil die russische Kolonie betreffend hier ungekürzt wieder gegeben werden soll:

    "In ganz eigenartigen Beziehungen steht das 1. Garderegiment zu Fuß zu der russischen Kolonie Alexandrowska, und wenn diese letztere auch streng genommen innerhalb des Rahmens der deutschen Armee keinen Platz findet, so mag ihrer doch hier um jener Beziehungen halber gedacht sein.

    Im Jahr 1812 war durch das Yorcksche Korps eine Anzahl trefflicher Sänger aus dem russischen Heere in Gefangenschaft geraten, welche Kaiser Alexander später auf Wunsch König Friedrich Wilhelm III. demselben überließ, um aus ihnen einen russischen Sängerchor zu bilden, der dem ersten Bataillon des ersten Garderegiments attachiert wurde. Die Sänger erhielten eine dem Regiment ähnliche Bekleidung und folgten demselben auf den Feldzügen 1813, 14 und 15 bis nach Paris. In Biwaks und Kantonnements trug der Sängerchor zur Erheiterung der Offiziere und Soldaten seine eigentümlichen russischen Nationallieder vor, deren ernste fast wilde Melodien die Sänger mit Tamburin, kleinen Glöckchen und Triangel begleiteten. Auch nach den Feldzügen wurden sie gelegentlich verwendet, um bei der königlichen Tafel zu singen, bis sie allmählich, durch Aussterben unvollständig geworden, von dieser Verpflichtung entbunden werden mußten. Zum letztenmale haben sie im Jahre 1830 vor dem Hofe musiziert. Auch ihre Bekleidung änderte sich später; sie erhielten lange grüne Überröcke, die auf den roten Achselklappen mit dem Namen des Kaisers Alexander versehen waren. Als der letztere gestorben war, beschloß Friedrich Wilhelm III., ihm zu Ehren eine russische Kolonie anzulegen, in der jedem der zwölf Sänger, die damals noch von der ursprünglich viel größeren Zahl übrig waren, ein nach russischer Art gebautes Gehöft mit dazu gehörigem Gemüsegarten überwiesen und ein dreizehntes für den mit der Aufsicht betrauten Feldwebel eingerichtet wurde. Auch eine russische Kapelle wurde in der Nähe der Kolonie am Fuße des Pfingstberges erbaut und neben derselben ein ebenfalls im russischen Stile erbautes Haus für den Aufseher derselben, in welchem sich der König auch ein Theezimmer zu eignem Gebrauche reservierte. So entstand im Norden der Stadt ein vollständig russisches Dorf, dessen von Fachwerk erbaute Häuser den blockhausartigen Eindruck der russischen Bauernwohnungen genau nachahmen. Das dienstliche Verhältnis des Sängerchors zum Regiment hat längst aufgehört, von den jetzigen Bewohnern der Kolonie sind überhaupt die allerwenigsten noch Nachkommen der russischen Sänger, für welche dieselbe ursprünglich erbaut wurde; nur noch in einigen Namen, wie Sabloroff, Anisimoff, Grigorieff lebt das Andenken derselben fort. Aber dem ersten Garderegiment ist die Aufsicht über die Kolonie verblieben, dasselbe ernennt den als Dorfschulzen fungierenden Aufseher und besetzt diese Stelle in der Regel mit einem bewährten Feldwebel des Regiments. Ebenso wird die Mehrzahl der Gehöfte nebst Anwesen jetzt, soweit nicht Nachkommen der ursprünglichen russischen Inhaber vorhanden sind, ausgedienten Unteroffizieren oder Spielleuten des Regiments zur Nutznießung übergeben."

3. Die russische Kolonie nach dem Ende der Monarchie

100 Jahre nach der Gründung der russischen Kolonie, im Jahre 1927, waren es nur noch vier Familien, die direkte Nachfahren dieser ersten Sänger waren: Jablokoff, Grigorieff, Schischkoff und Anisimoff.

Die Kolonie selbst war bis zur Fürstenenteignung 1926 im Privatbesitz des Hauses Hohenzollern, wurde allerdings militärisch durch das Erste Garderegiment zu Fuß verwaltet. Erst nach der Auflösung des Regiments übernahm nach 1919 das Haus Hohenzollern den Unterhalt des Geländes. Bis 1945 blieben die ehemals königlichen Bestimmungen über die Rechte und Pflichten der Bewohner in Kraft. Grundlegende Änderungen im Rechtsstatus der Kolonie und ihrer Bewohner erfolgten erst in der Zeit der SBZ und DDR. Nach der Bodenreform von 1945-48 lebten  nur noch zwei Familien in direkter Linie als Nachfahren der russischen Sänger in Alexandrowka: Schischkoff und Grigorieff. Seit der deutschen Wiedervereinigung sind die meisten Häuser in Privatbesitz.

Zweistöckiges Gebäude der Siedlung Alexandrowka heute, Privatarchiv.

Im Januar 2005 wurde im Haus Nr. 2 der Russischen Kolonie das Museum Alexandrowka eröffnet, das den Besuchern einen Einblick in die Geschichte und die Architektur der Blockhäuser ermöglicht. Dieses Museum zeigt die Bauweise und gibt auf zahlreichen Tafeln Erläuterungen zur Geschichte dieser einmaligen Siedlung.

In der Stelle Nr. 1, dem ehemaligen Aufseherhaus, ist heute ein russisches Spezialitätenrestaurant untergebracht, welches den Besucher mit russischen Leckereien verwöhnt.

Wie bereits erwähnt, hat die Kolonie der russischen Sänger die Zeiten überdauert. Nach 100 Jahren waren nur noch 4 der Häuser von direkten Nachkommen der Sänger bewohnt, heute ist es mit der Familie Schischkoff  nach dem Tode des letzten männlichen Nachfahren der Familie Grigorieff nur noch eine. Das Russische Dorf ist seit 1999 Teil des Weltkulturerbes der UNESCO.