Kasernen des Ersten Garderegiments zu Fuß
Kaserne des Ersten Garderegiments zu Fuß, Priesterstraße/Canal, historische Fotopostkarten, Archiv Hellenthal.
I. Die Kasernen der Vorgängerregimenter Garde Nr. 6 und Nr. 15
Die ersten Kasernen wurden in Potsdam schon im 18. Jahrhundert errichtet. Das Regiment des Königs Nr. 6 wurde 1713 nach Potsdam verlegt und in erste kleine Kasernen untergebracht. Meist geschah jedoch die Unterbringung in Bürgerquartieren, weshalb die Stadt in diesen Jahren auch mehrfach erweitert werden mußte. So entstand damals auch das Holländerviertel.
Während der Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. wurde ein System der Einquartierung in Potsdam etabliert, welches lange Zeit später noch gebräuchlich war. Erst als alle Truppen in Kasernen einquartiert waren, wurde dieses Verfahren aufgegeben. "Die Soldaten lagen bei den Bürgern einquartiert. Die Einwohner Potsdams, schon ohnehin im Genuß reicher Wohlthaten durch die Gnade des Königs,, bezahlten keine anderen Abgaben als die Accise. Dafür war aber ein jeder Hauseigenthümer verpflichtet, eine Stube und nach Umständen auch eine Kammer, nach der Straße heraus, für 2, 4 und 6 Soldaten, stets zu unterhalten. ... Nur die Prediger- und Schulhäuser waren eximirt, dagegen mußte z. B. ein Officier, wenn er Hausbesitzer war, auch Einquartierung halten. Die Stuben durften nicht 2 Treppen hoch liegen, daher findet man in Potsdam auch so wenig zweistöckige Häuser." (aus der Regimentsgeschichte)
Die Unterbringung der Bataillone war in Potsdam seit den Zeiten Friedrich Wilhelms I. nahezu unverändert geblieben. Die Soldaten waren immer noch meist in Bürgerquartieren untergebracht. "Das 1. Bataillon hatte das Vorrecht, nur zu Vieren in einer Stube und Kammer zu liegen; beim Regiment Garde und Grenadiergarde-Bataillon zu Sechsen. Der Wirth mußte für die Einquartierung Licht und Aufwartung geben, vom 1. October bis Ausgangs April heizen, an Exerciertagen für sie kochen, Geschirr, Stroh und Utensilien liefern und das Bettzeug waschen lassen. Bis in die ersten Regierungsjahre Friedrichs II. mußte er auch alle süßen und sauren Zuthaten zum Essen liefern. Jede Compagnie hatte außerdem 2 Stuben als Montirungskammern. Diese harte Last erscheint weniger drückend, wenn man bedenkt, daß der König die meisten Häuser selbst baute und dann den Einwohnern schenkte, die Einquartierung also gleichsam nur ein Erbzins war. Zu dem Holz gab der König einen Zuschuß aus den Königlichen Forsten. Derselbe betrug für:
das 1. Bataillon Garde 77 Haufen,
Regiment Garde 194 Haufen
Bataillon Grenadiergarde 102 Haufen
Unrangierte 10 Haufen
Außerdem gab der König über 200 Haufen Torf. Es ist in späteren Zeiten das Verdienst des Generals Rohdich um die Stadt Potsdam, daß er es als Commandant beim Könige durchsetzte, daß dieser nicht allein einen jährlichen Zuschuß von 7075 Thlr. für die Unterhaltung der Utensilien bewilligte, sondern auch nach und nach fast den ganzen Holzbedarf und die sonstigen Ausgaben übernahm, so daß in den letzten Zeiten der Hauseigenthümer eigentlich nur die Stube hergab." (aus der Regimentsgeschichte)
Ab 1740 wurden dann 11 Kasernen in der Berliner Str. und 5 an der Heilige-Geist-Kirche für das I. Bataillon Leibgarde Nr. 15 errichtet. Das II. Bataillon Regiment Garde Nr. 15 lag in 13 kleinen, teils aus Holz gebauten Kasernen an der Heiligegeiststraße, 1777 kamen noch 4 weitere dazu. 1753 entstanden 16 massive Kasernen für das III. Bataillon Regiment Garde Nr. 15 zwischen dem Berliner Tor und der französischen Kirche. Einzelne Kasernen befanden sich auch noch in der Lindenstraße, in der auch noch das bis heute existierende Gebäude des Regiments- und späteren Garnisonslazaretts (bis 1894) stand.
Die verheirateten Soldaten hatten eine Stube für sich in den sogenannten "Kasernen". Diese lagen für die Leibgarde in der Berliner Straße, den späteren Reserve-Kasernen. Die Kasernen gehörten dem König, aber eine eigentliche Kaserneneinrichtung bestand nicht, sondern es waren nur den Leuten überlassene, karg möblierte Wohnungen mit einem Tisch und einigen Stühlen darin.
Die 17 vom Bataillon Grenadiergarde Nr. 6 belegten Kasernen im Siefertgäßchen sowie der anderen Gardetruppen zwischen Brandenburger und Nauener Tor, in der Heiligegeiststraße und an der Stadtmauer außerhalb des Neustädter Tores wurden alle bis etwa 1775 fertig gestellt. Sie waren teils massiv, teils aus Holz gebaut. Die Unterbringung erfolgte jedoch nach wie vor hauptsächlich in Bürgerquartieren wie z. B. dem Holländerviertel.
Die Monierungskammern der Bataillone waren für die Leibgarde teils auf dem Schloß und teils im Turm der Garnisonkirche. Das Regiment Garde und das Bataillon Grenadiergarde hatten ihre Monierungskammern in den Gebäuden, in denen später die Regimentskammer des Ersten Garderegiments zu Fuß war.
Bis zum 25.01.1787 unterhielt die Potsdamer Bürgerschaft 250 Betten, die aber "von diesem Termine an den Regimentern mit 500 Thalern vergütigt wurden." (aus der Regimentsgeschichte)
II. Die Kasernen des Ersten Garderegiments zu Fuß
Zunächst blieb die Unterbringung bei Errichtung des
Regimentes dezentral. Aufgestellt in Graudenz und Königsberg zog das Regiment
Garde im April 1810 in
die alte Garnison Potsdam ein. Dort sollte das Regiment
bis zu seiner Auflösung 1918 stationiert bleiben.
Blick in die Kantine des Ersten Garderegiments zu Fuß, Foto aus der Regimentsgeschichte.
Bis 1862 blieb die dezentrale Unterbringung komplett
erhalten, dann zog das I. Bataillon von den Bürgerquartieren in
verschiedene kleine Kasernen , die in der Heiligegeist- bzw.
Gardes-du-Corps-Straße, am Berliner Tor und in der Elisabethstraße lagen. Die
dezentrale Einquartierung brachte mancherlei Probleme in Fragen der Disziplin,
Ordnung und Hygiene mit sich, die erst mit der beginnenden zentralen
Unterbringung in der umgebauten alten Gewehrfabrik ab April 1866 allmählich
gelöst wurden. Zuerst bezog die Leib-, 2. und 3. Kompagnie des I. Bataillons
die Anlagen der ehemaligen Fabrik, die 4. Kompagnie verblieb noch
in der Kaserne am Neustädter Tor. Der Umzug dieser drei Kompagnien ging aber nur
langsam voran und zog sich so bis 1875 hin. Das II. Bataillon war
in den Privatquartieren des holländischen Viertels unterg
ebracht, bevor es am
01.10.1878 in die Kaserne am Wall einziehen konnte. Am 01.10.1885 konnte das
Füsilierbataillon endlich in die ehemalige Gewehrfabrik einziehen. Bis
dahin lag es nach Kompagnien getrennt und zwar die 9. am Berliner Tor, die 10.
zur Hälfte in der Elisabethstraße, die andere Hälfte in der Heiligegeiststraße,
die 11. in der Gardes-du-Corps-Straße und schließlich die 12. Kompagnie in der
Heiligegeiststraße.
Kaserne des Füsilierbataillons des Ersten Garderegiments zu Fuß um 1910, historische Fotopostkarte, Archiv Hellenthal.
Nachdem auch die 4. Kompagnie in das neue Regimentsquartier eingezogen war, war nun endlich das Regiment komplett in einer einzigen Kaserne versammelt. Die Belegung war somit folgende:
Neuer Block (nördlicher Kasernenflügel, Priesterstraße): 4. 9. und 10. Kompagnie
Alte Gewehrfabrik (mittlerer Kasernenflügel, An der Gewehrfabrik): Leib-, 2. und 3. Kompagnie
Alter Block (südlicher Kasernenflügel, links vom Haupteingang): II. Bataillon
Alter Block (südlicher Kasernenflügel, rechts vom Haupteingang): 11. und 12. Kompagnie
Das am 01.10.1893 geschaffene IV. (Halb-) Bataillon wurde
in den alten Bürgerquartieren am Neustädter Tor einquartiert. 1897 wurde das
Bataillon wieder
aufgelöst und die Mannschaften auf die Kompagnien verteilt. Das
Regiment war damit wieder komplett in der Kaserne versammelt.
Eine Reihe von Erweiterungen erfuhr in den folgenden Jahren das Ökonomiegebäude, welches seinen Platz an der Begrenzungsmauer zum Nachbargrundstück, dem Hofpredigerhaus in der Priesterstraße 9, hatte. Es beherbergte die Kammern für die Ausrüstung, die Werkstätten, die Büchsenmacherei, das Geschäftszimmer des Regimentszahlmeisters und die Badeanstalt.
Lageplan der Kasernen des Ersten Garderegiments zu Fuß (Stand vor 1909), Archiv Seitenautor.
Sehr bald stellte sich heraus, daß der Komplex für den
Dienstbetrieb eines ganzen Regimentes zu eng war. Versuche, die Grundstücke
Priesterstraße Nr. 9 und Nr. 10 dazu zu gewinnen scheiterten 1895. Die
Aufstellung einer Maschinengewehr-Kompagnie, der 13.(MG-) Kompagnie, im Jahre
1908 führte schließlich zur Errichtung eines Neubaus auf dem schon zu engen
Kasernenhof. Der neue Anbau wurde neben der Kaserne des II. Bataillons, zu der
die neue Kompagnie gehörte, mit den Unterkünften, Garagen für die Fahrzeuge und
Wirtschaftsräumen errichtet. Die Waffenmeisterei kam in einen Neubau, welcher
sich an die Latrine des II. Bataillons anschloß. Die Pferde der neuen Kompagnie wurden in dem
erweiterten
Offiziers-Pferdestall, der auch die "Krümperpferde" aufnahm, gegenüber der 9.
und 10. Kompagnie eingestellt. Die 1909 begonnenen Baumaßnahmen wurden erst 1911
beendet.
Blick in die Kasernenwache des Ersten Garderegiments zu Fuß, Foto aus der Regimentsgeschichte.
Die Angehörigen des Königshauses pflanzten in den 90er
Jahren des 19. Jahrhunderts auf dem Kasernenhof eine Reihe von Eichen, auch
Fürst Bismarck sandte 1895 einen Baum aus seinem Sachsenwald. Die Flure der Kompagniegebäude waren mit unzähligen Bildern geschmückt. Fremden Fürsten, die
häufig beim "ersten Hieb" zu Besuch waren, zeigte man besonders gerne den
Paroleflur der Leibkompagnie mit seinen Bildern von riesigen Flügelmännern.
Kaserne des II. Bataillons des Ersten Garderegiments zu Fuß um 1905, historische Fotopostkarte, Archiv Hellenthal.
Dem Begründer des von Rohdich´schen Legatenfonds, dem General Friedrich Wilhelm von Rohdich, zu Ehren, wurde zu dessen 100. Todestag im Jahre 1897 ein Gedenkstein mit seiner Büste auf dem Turnplatz im Kasernenbereich aufgestellt.
III. Die Kasernen des 9. (Preußischen) Infanterieregiments und des IR/GR/PzGR 9
Nach Aufstellung der Reichswehr wurde das neu gebildete 9.
(Preußische) Infanterieregiment zum Teil in die alte Kaserne des Ersten
Garderegiments zu Fuß einquartiert. Das neue 9.
(Preußische) Infanterieregiment brauchte wesentlich mehr Platz als ein Regiment
der alten Armee, da mehr Fahrzeuge, Nachrichtenmittel, MG´s, Pferde und
sonstiges Feldgerät nun zu einem kriegsstarken Regiment gehörten. Daher lagen
nur der Regimentsstab und das I. und II. Bataillon noch in Potsdam, das III.
Bataillon stand in Spandau. Die drei Kompagnien des Ausbildungsbataillones
(14.-16. Kompagnie) lagen in Lübben, Lichterfelde und Wünsdorf. Neben der
Kaserne des Ersten Garderegiments zu Fuß in der Priesterstraße belegten die neun
Potsdamer Kompagnien (6 Infanterie-, 2 MG- und eine Minenwerferkompagnie) und
die Stäbe auch die Kasernen des 1.
Gardeulanen-Regiments am Ruinenberg, die
einstige Unteroffizierschule in der Jägerallee, die Kaserne der Gardejäger und
der Garde-Maschinengewehrabteilung I am Bornstedter Feld und schließlich die
Kaserne der 3. und 5. Schwadron der Gardes du Corps in der Behlertstraße.
Haupteingang der "SEMPER-TALIS-Kaserne" am Wall in den 30er Jahren, historische Fotopostkarte, Archiv Seitenautor.
Die Belegung der Kasernen wechselte mit der Umgliederung
der Regimenter, besonders in der NS-Zeit. Schon im Herbst 1928 wurde der Stab
des II. Bataillons und die 8. Kompagnie, 1929 auch die 5. Kompagnie von
Lichterfelde nach Potsdam verlegt. Nachdem ab 1933 die Ausbildung der Rekruten
in allen Kompagnien erfolgte, ging das bisherige Ausbildungsbataillon in Lübben
zum Infanterie-Regiment 8
(IR 8) über. Im Herbst 1934 wurde die neue 14. (Panzerabwehr-)Kompagnie
gebildet. Das komplette III. Bataillon wurde 1935 zum Aufbau des IR 67 verwendet
und mußte somit in Potsdam neu aufgestellt werden. Damit war das neue
Infanterie-Regiment 9 (IR 9) komplett in Potsdam versammelt. Allerdings konnten
die Unterbringungsprobleme erst mit Fertigstellung der "Adolf-Hitler-Kaserne" am Bornstedter Feld
in der Pappelallee beseitigt werden.
Kaserne des Inf.-Rgts. 9, Potsdam, Pappelallee in den 30er Jahren, historische Fotopostkarte, Archiv Hellenthal.
1939 wurde die Kaserne an der Priesterstraße "SEMPER-TALIS-Kaserne" benannt.
Das IR 9 lag bei Kriegsausbruch 1939 in folgenden Standorten:
SEMPER-TALIS-Kaserne, Priesterstraße 2-8: Bataillonsstab I., 1., 2., 3., 9. 11. Kompagnie
Jäger-Kaserne, Jägerallee 10-12: 5., 7., 8. Kompagnie
Adolf-Hitler-Kaserne, Pappelallee 8: Regimentsstab, Bataillonsstab II., 4., 8., 13., 14. Kompagnie, Stabskompagnie
Hindenburg-Kaserne, Jägerallee 23: Bataillonsstab III., 10., 12. Kompagnie
Im ehemaligen Kasino der Gardes du Corps Am Kanal, war nach einem großzügigen Ausbau und Ausgestaltung das Offiziersheim des IR9 untergebracht.
Während des Krieges waren in den Potsdamer Kasernen des IR
9 Ersatzformationen, wie z. B. das Infanterie-Ersatz-Bataillon 9 stationiert. In
der Adolf-Hitler-Kaserne in der Pappelallee war in den letzten Wochen noch das
Reserve-Lazarett 101 untergebracht.
Die Kaserne in der Priesterstraße (seit 1991 Henning-von-Tresckow-Str.) in Potsdam 2004, Archiv Seitenautor.
Die
alte Kaserne des Ersten Garderegiments zu Fuß in der Priesterstraße hat den 2.
Weltkrieg überlebt. Sie ist heute aber leider fast völlig verdeckt von einem
großen Gebäude der Industrie- und Handelskammer (IHK). Die einstige Kaserne ist
nun ein Verwaltungsgebäude des Ministerim des Inneren des Landes Brandenburg. Immerhin ist die Priesterstraße seit 1991 nach
Henning von Tr
esckow benannt, einem der bekanntesten Mitglieder der
Widerstandbewegung des 20. Juli 1944, der aus den Reihen des 9. (Preußischen)
Infanterieregimentes kam, in seinem Fall sogar noch im Ersten Garderegiment
zu Fuß gedient hatte.
Rückverfolgung der Potsdamer Akten schwer. Die heutige Forschung kann sich daher nur auf zeitgenössische Literatur vor 1945, Fotodokumente und erhaltene Originalstücke stützen.
Kaserne des Ersten Garderegiments zu Fuß, später IR9 in der Henning-von-Treskow-Straße im Jahre 2010, Archiv Seitenautor.
